Schizoaffektive Störung Inhalt
1. Schizoaffektive Störung: Einleitung Bei der schizoaffektive n Störung handelt es sich um eine Erkrankung mit episodisch auftretenden Störungen, bei denen sowohl Störungen der Stimmungslage (affektive Störung) als auch schizophrene Symptome (wahnhafte Realitätsverkennungen) auftreten. Charakteristisch für die schizoaffektive Störung ist, dass sie weder nur die Krankheitszeichen für eine schizophrene Störung noch für eine depressive oder manische Störung (d. h. das Gegenteil vom depressiven Erleben, also gehobene Stimmung, gesteigerter Antrieb mit Überaktivität und mangelnder Realitätssicht) ausweist. Das Charakteristikum ist das Nebeneinander beider Krankheitsbilder bzw. das Nacheinander im Auftreten der genannten Symptomenkomplexe. In der Vergangenheit, seit Beginn des letzten Jahrhunderts bis fast in die Gegenwart, ergaben sich unter den Fachärzten und Forschern lange Diskussionen, ob die schizoaffektive Störung den schizophrenen oder den affektiven Störungsbildern zuzuordnen sei. In der täglichen Praxis ergeben sich jedoch zu beiden Krankheitsgruppen einige deutliche Unterschiede, so dass es für die Praxis sinnvoller erscheint, der schizoaffektive n Störung eine eigene Betrachtung zukommen zu lassen. 2. Schizoaffektive Störung: Unterschiedliche Krankheitsbezeichnungen Für die schizoaffektive Störung wurden von den verschiedensten Autoren unterschiedliche Begriffe eingeführt, obwohl diese Begriffe nicht immer exakt deckungsgleich verwendet wurden sind, sollen hier einige kurz erwähnt werden:
3. Symptomatik und Krankheitsverlauf der schizoaffektive n Störung Die Krankheitsphasen bei der schizoaffektive n Störung beginnen häufig a k u t innerhalb weniger Tage, zum Teil auch nur innerhalb weniger Stunden. Meist liegt zu Beginn eine Mischung aus wahnhaft-schizophrener Realitätsverkennung und depressiver oder manischer Symptomatik vor. Der Krankheitsbeginn wirkt für die Betroffenen und ihr soziales Umfeld fast immer turbulent und dramatisch. Insbesondere weil die Betroffenen, die an einer schizoaffektive n Störung leiden, im Vorfeld ihrer Erkrankung eine unauffällige Persönlichkeit bieten und sowohl affektiv als auch in ihrer Realitätsverarbeitung ungestört am sozialen Leben teilnehmen. Bei den schizodepressiven Krankheitsphasen der schizoaffektive n Störung stehen sehr ausgeprägte depressive Denkinhalte und depressive Verarbeitungsmechanismen im Vordergrund; neben Wahn und Halluzinationen, die häufig mit inadäquaten gefühlshaften Reaktionsweisen verbunden sind. Die Dauer derartiger Krankheitsepisoden liegt zwischen wenigen Wochen und ca. 3 Monaten; es können vereinzelt auch längerdauernde Episoden bei einer schizoaffektive n Störung beobachtet werden. Bei schizomanischen Krankheitsphasen stehen die überschießenden, häufig persönlichkeitsfremden Reaktionsmuster, die affektive Enthemmtheit sowie die zum Teil alle sozialen Gepflogenheiten verletzenden Verhaltensweisen neben den wahnhaften Verarbeitungsmechanismen im Vordergrund. Die schizomanischen Phasen enden häufig mit einem affektiven Umkippen in eine depressive Episode. Im weiteren Verlauf enden beide Krankheitsphasen in einer vollständigen Rückbildung aller Krankheitszeichen und in einer Herstellung der aus gesunden Zeiten bekannten Erlebens- und Reaktionsweisen. Nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen, die an einer schizoaffektive n Störung leiden (ca. 20 - 25 %) bleiben Einschränkungen in ihrem Erleben und in ihren Verarbeitungsweisen in Form von Restsymptomen erhalten. Bei der schizoaffektive n Störung besteht jedoch eine hohe Rückfallrate mit erneuten Krankheitsphasen. Die Betroffenen, die an einer schizoaffektive n Störung leiden, haben ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko im Vergleich zur Restbevölkerung. Hierzu liegen unterschiedliche wissenschaftliche Studien vor, je nach Studie schwanken die Angaben zwischen 17 und 22 %. Dieses erhöhte Suizidrisiko der Betroffenen erfordert eine frühzeitige und fachgerechte psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung, da unter einer fachgerechten Behandlung eine bessere Prognose besteht. Das Erkrankungsalter, in dem die Betroffenen erstmals an einer schizomanischen Phase der schizoaffektive n Störung erkranken liegt ca. zwischen dem 24. und 28. Lebensjahr; das erste Auftreten von schizodepressiven Krankheitsphasen liegt Jahre später, um das 34. Lebensjahr. Auch bei dem Erkrankungsalter zeigen sich deutliche Unterschiede sowohl zu den schizophrenen Erkrankungen als auch zu den rein manisch-depressiven Erkrankungen; die erste Gruppe erkrankt deutlich früher als Patienten, die an einer schizoaffektive n Störung leiden. Die zweite Krankheitsgruppe hat ein deutlich späteres Ersterkrankungsalter. Im individuellen Krankheitsverlauf unterscheiden sich die einzelnen Krankheitsphasen in ihrer Symptomatik sehr deutlich von einander. Die Fachärzte sprechen dann von einem „polymorphen“ Verlauf; nur bei ca. 1/3 der Patienten, die an einer schizoaffektive n Störung leiden, treten immer wieder gleiche Symptome zu tage. 4. Schizoaffektive Störung: Prognose Die Prognose von Patienten mit einer schizoaffektive n Störung liegt verglichen mit rein schizophrenen Erkrankungen deutlich besser. Hier spielen die unauffällige Primärpersönlichkeit, das späte Ersterkrankungsalter, die gute soziale Anpassung und feste Partnerbeziehungen sowie die berufliche Leistungsfähigkeit nach vollständiger Rückbildung aller Symptome bei den Betroffenen eine entscheidende Rolle. 5. Schizoaffektive Störung: Familiäre Belastungsfaktoren Aus bisher vorliegenden genetischen Studien lassen sich keine eindeutigen Aussagen über die Erkrankungswahrscheinlichkeit, mit der einzelne Familienmitglieder an einer schizoaffektive n Störung erkranken könnten, aussagen. Aufgrund von Feldforschungen lässt sich ableiten, dass für Verwandte ersten Grades ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst psychisch zu erkranken, besteht; aber das Risiko ebenfalls an einer schizoaffektive n Störung zu erkranken, relativ niedrig ist. D. h. es treten andere psychische Erkrankungen in dieser Familie gehäuft auf, jedoch nicht zwangsläufig auch schizoaffektive Störung en. Frauen erkranken doppelt so oft an einer schizoaffektive n Störung als Männer. Auch in der Geschlechterverteilung besteht ein deutlicher Unterschied zu Patienten mit schizophrenen Erkrankungen. Hier ist die Geschlechtsverteilung Männer zu Frauen 1:1. 6. Schizoaffektive Störung: Behandlungsmöglichkeiten
6.1 Akutphase Um die inneren andrängenden krankhaften Impulse zu lindern, ist die Gabe hochpotenter Medikamente, die das psychotische Erleben erfolgreich beeinflussen können (Neuroleptika) hilfreich und notwendig. In Kombination mit einer milieutherapeutischen Reizabschirmung der Betroffenen und einer gezielten Medikation ist es in der Regel möglich, dass die Betroffenen relativ schnell ihre Erlebensweisen wieder besser geordnet bekommen und damit zu einer Entängstigung und Stabilisierung beitragen zu können. Die Gabe von einfachen Beruhigungsmitteln, um die Erregung zu dämpfen, ist nicht geeignet, die Krankheitsphase angemessen zu behandeln und verlängert ggf. das Leiden der Betroffenen. Aus diesem Grunde
erscheint ein fachärztlich gestufter Behandlungsplan die entscheidende
Voraussetzung zu einer erfolgreichen Heilung der akuten Krankheitsphase bei
einer Auch bei schizodepressiven Phasen reicht die alleinige Gabe von Antidepressiva erfahrungsgemäß nicht aus; auch hier sollte eine zusätzliche, fachärztlich verordnete Neuroleptikamedikation erfolgen. 6.2 Phasenprophylaxe Nach wiederholtem Auftreten von Krankheitsphasen einer schizoaffektive n Störung erscheint eine Phasenprophylaxe in der Behandlung der schizoaffektive n Störung sinnvoll. Bei allen Fachleuten herrscht hier Übereinstimmung, dass eine prophylaktische medikamentöse Behandlung das Wiederauftreten von Krankheitsphasen bei schizoaffektive n Störung en verhindert oder zumindest die Phasen in ihrer Intensität deutlich abschwächt bzw. die Häufigkeit von erneuten Krankheitsphasen erheblich reduziert. Die Empfehlung, ab wann eine medikamentöse Phasenprophylaxe bei schizoaffektive r Störung begonnen werden sollte, sind nicht ganz einheitlich. Sie sollten im Einzelfall je nach Ausprägung und Schwere der Erkrankungsphasen der schizoaffektive n Störung mit einem Facharzt des Vertrauens besprochen werden. Einigkeit besteht in folgender Richtlinie: wenn innerhalb von zwei Jahren mehr als zwei Krankheitsphasen auftreten empfiehlt sich eine medikamentöse Phasenprophylaxe. Die Phasenprophylaxe kann mit Lithiumsalzen erfolgreich durchgeführt werden. Da hier im Einzelfall Unverträglichkeiten auftreten können, stehen Carbamazepin- und Valproinsäuremedikation als weitere Mittel zur Phasenprophylaxe zur Auswahl. Medizinische Fragen zu Nebenwirkungen und Ausschlusskriterien sollten individuell mit einzelnen Fachärzten besprochen werden. Eine regelmäßige Kontrolle der Medikamentenspiegel trägt zur Sicherung einer therapeutisch wirksamen Dosierung bei, die dann die gewünschte Wirksamkeit entwickeln kann. 6.3 Psychotherapeutische Behandlungsansätze Ist eine Psychotherapie bei schizoaffektive r Störung sinnvoll? Diese Frage hängt sehr von der jeweiligen Krankheitsphase ab. In einer Akutphase sind die Betroffenen dazu nicht in der Lage, hier geht es um eine Linderung der akuten Krankheitssymptome und deren Auswirkungen. Im Anschluss an die Akutphase sollte jedoch das Erlebte und Erlittene, in einer für Psychosepatienten modifizierten psychotherapeutischen Vorgehensweise aufgearbeitet werden. Erfahrungsgemäß leiden die Betroffenen nach Abklingen der Symptomatik sehr unter Schuld- und Schamgefühlen sowie ausgeprägten Zukunftsängsten. Im Akutkrankenhaus ist hierfür zum Teil die Kapazität nicht gegeben. In Tageskliniken und psychiatrischen Ambulanzen ergeben sich für eine psychosoziale Reintegration viele Behandlungsmöglichkeiten. Wichtig erscheint gerade für Patienten, die an einer schizoaffektive n Störung leiden, eine gute Aufklärung sowohl der Betroffenen als auch von deren Angehörigen über den Charakter ihrer Erkrankung und den Krankheitsverlauf. Vor allem auch über die Auswirkungen von Krankheitsfolgen auf das soziale und berufliche Umfeld. Erfahrungsgemäß ergeben sich in der ambulanten Versorgung für diese Aspekte häufig nur begrenzte zeitliche Kapazitäten. Aus diesem Grunde erscheint eine fachgerechte, mehrdimensionale psychotherapeutische stationäre Behandlung sinnvoll. Die Fachabteilung sollte jedoch für die Behandlung von Psychosepatienten geeignete Psychotherapiekonzepte und entsprechende Erfahrungen bieten. Im Intervall zwischen den akuten Krankheitsphasen können Fragen zum individuellen Krankheitserleben eingehend besprochen und durchgearbeitet werden. Es können Belastungen, die sich bedingt durch die Erkrankung im Zusammenleben mit Angehörigen und dem Freundeskreis entwickelt haben im Austausch mit anderen Betroffenen erfolgreich durchgesprochen werden. Hierdurch kann verbessertes Verständnis mit eigenen Reaktionsweisen sowie der Reaktionsweisen im sozialen Umfeld erzielt werden. Auch berufliche Belastungsfaktoren können eingehend besprochen werden. Insbesondere das Erkennen von Frühsymptomen noch bevor die eigentliche Krankheitsphase beginnt, kann dazu beitragen, dass frühzeitig fachärztliche Behandlung aufgesucht und somit eine erneute längerdauernde stationäre Behandlung und längere Arbeitsunfähigkeitszeiten vermieden werden können.
Olaf Rüster
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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